| Mannheimer Morgen
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14.10.2002
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Horror in der Zweierkiste
Hubert Burghardt teilt aus
Wer bei Hubert Burghardts Programm "Das Schweigen der Männer" an Grusel und Psychopathen denkt, weil ihm der Thriller "Das Schweigen der Lämmer" in den Sinn kommt, liegt gar nicht mal so falsch. Das Zwischengeschlechtliche, die meist mühsam gezimmerte Zweierkiste - das ist oft genug der reine Horror. Männer wissen das und Frauen sowieso.
Aber erst vor wenigen Jahren fanden Hirnforscher heraus, woran das liegt: am wesentlich komplexer vernetzten Weiberhirn, wohingegen die Denkstrukturen der Kerle in sehr viel simpleren Bahnen verlaufen; drum verstehen beide Geschlechter einander nicht. Seither haben sich vor allem männliche Kabarett-Künstler vermehrt auf das Thema gestürzt und schmieden Programme, in denen sie sich selber gern als Deppen outen. Und fahren damit gut, bei Burghardt kriegen besonders die weiblichen Gäste in der Mannheimer Klapsmühl' viel zu lachen, die männlichen dagegen mächtig eins auf den Deckel.
Burghardt, Jahrgang 1958 und Diplom-Sozialpädagoge, reitet einen zweistündigen Sturmangriff auf Männerbastionen und entlarvt die Herren der Schöpfung mit ihrem "Zwang zur Massenbegattung zwecks Arterhaltung". Das geht nicht ohne diverse Tiefschläge unterhalb der Gürtellinie, und es ist spannend zu beobachten, wie das Publikum eingangs nicht gerade wenige Probleme damit hat.
Doch es wäre falsch, dem Dortmunder die "dreckige" Seite seiner Monologe vorzuhalten, denn sie gehört nun mal zum Thema. Burghardt setzt sich mit eloquentem Wortwitz über alle Tabubarrieren hinweg, singt zwischendrin garstige Songs aus einem "Zyklus entarteter Liebeslieder", in denen es um Zoophilie, Masochismus, Infantilismus oder Nekrophilie geht -starker Tobak, aber so charmant vorgetragen, dass er nach den ersten dreißig oder auch vierzig Minuten die Gäste völlig auf seiner Seite hat. In der zweiten Programmhälfte könnte er ihnen schlicht alles vorsetzen.
Ab und an schlüpft der begnadete Schauspieler in Rollen wie einen alten Opa, der über den Modegeschmack der Jugend herzieht, oder einen Linksintellektuellen, der ausgerechnet von Ausländern zusammengeschlagen wurde, obwohl ihm doch Skinheads ideologisch besser gepasst hätten. Diese andere Seite von Hubert Burghardt und seine köstliche Darbietung des kompletten "Faust" in fünf Minuten geben dann ein stimmigeres Bild von einem der vorzüglichsten deutschen Kabarettisten, der auch mal nonchalant die Grenze zur Stand-up-Comedy überschreitet. mik
© Mannheimer Morgen - 14.10.2002