| MARABO – THEATER AKTUELL
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OKTOBER 97
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ENTLARVEND
Spaß & Spannung
Hubert Burghardt: ALLES VERWANDSCHAFT!?
In adrettem Anzug mit blauem Hemd und bunter Krawatte schlendert Hubert Burghardt auf die Bühne und schickt ein "Endlich allein!" ins Publikum. Er käme gerade von einer dieser großen Familienfeiern, erzählt er, und seine "Dekadenverwandtschaft" (man sieht sich alle zehn Jahre) sei eine Mischpoche von genau der Sorte, dass jeder wünschte, Einzelkind und Vollwaise zu sein. Erst habe er ja noch seiner vergesslichen Oma zu erklären versucht, dass er an ihrem Jubelfest nicht teilnehmen könne, konnte sich aber doch nicht völlig Freiquatschen. Wüstes Erlebnis: "Offener Schlagabtausch am kalten Buffet - hätte ja verbal abgehen können...".
Das "komische Familiendrama", wie Hubert Burghardt sein erstes Solo- Kabarett untertitelt, lebt von professioneller Erzähltechnik und exakt platzierten Pointen, erst recht aber davon, dass er die vielen Typen nicht nur trefflich schildert, sondern auch durch kurzes Anspielen plastisch charakterisiert. Schwager Hermann „sieht aus wie’n Schwein, frisst wie’n Schwein, meistens isst der Schwein, uns manchmal ist der sogar ‘n Schwein" und ärgert mit Vorliebe die mit dem blöden Bruder verheiratete Hardcore-Veganerin, die „zum Tier wird, wenn sie Fleisch sieht". Tante Hilde ist alt und klein, hat aber Riesentitten („Heliumimplantate?") und drängt jedem ein ekliges Begrüßungsküsschen auf .
Onkel Dieter spielt zu vorgerückter Stunde immer wieder gern das Horst-Wessel-Lied auf seinem Schifferklavier, und die eigenen Eltern entpuppen sich als genau die Typen, über die sich lustig zu machen gepflegter Usus ist.
Mit Ironie und Sarkasmus begibt sich Burghardt auf Nebenpfade, gibt großzügig seinen Senf zu dit und dat und kehrt immer wieder zur Erzählung des wenig feierlichen Festes zurück. In dem geschickt gespannten Spannungsbogen ist nicht immer alles komisch, da ist auch Raum für Ernsthaftigkeit, ein wenig Melancholie und geschickt platzierten Songs.
dwc
Marabowertung: FORMIDABEL