MARABO (Ruhrgebiet) 8-1999

M Ä N N E R K A B A R E T T

Keilermäßige Nestbeschmutzung
In seinem zweiten Solo zeigt Kabarettist Hubert Burghardt Männer, wie sie wirklich sind: zwischen genial und bekloppt.

Sind Männer auf dieser Welt wirklich so unersetzlich, wie es ein Barde singend kundgab? Dieser Punkt wird nicht näher erörtert, auch wartet man vergebens auf eine allumfassende Definition dieser Spezies, wird aber entschädigt durch anschauliche Vorführungen diverser maskuliner Erscheinungsformen. sorgfältig ausgebreitetes Infamwissen über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und einen Zyklus "entarteter Liebeslieder".
Das Herz eine Mördergrube, im Kopf einen Sündenpfuhl und ein Benehmen wie eine Wildsau - so oder ähnlich mag die Weiblichkeit ihren geschlechtlichen Widerpart empfinden. Das mag ja hin und wieder seine Richtigkeit haben, aber wie es tief drinnen im Mann aussieht, wer weiß das. Hubert Burghardt hat tief geschürft, geriet dabei unvermeidlich in Abgründe und hat etliche Fundsachen zu Tage und auf die Bühne befördert.
Gandolf zum Beispiel: Der friedensbewegte junge Mann wurde von zwei Ausländern zusammengeschlagen (obwohl doch eine Horde Skinheads besser in sein Weltbild gepasst hätte), und schon war's aus mit der Sanftmut, berichtet der Kabarettist, und wandelt sich zu eben diesem Gandolf, bittet herzlich um Unterstützung für seine Initiative "Pump Gun für alle" und erzählt ganz treuherzig von Fromm' und Nutzen der individuellen Aufrüstung, von präventiver Notwehr und Blutrache. Eine Figur, so richtig aus dem Leben gegriffen, genau so wie der Rentner mit Cordsakko, Gehstock und Hosenträgern, der lauthals über "Männer und Mode", "die bekloppte Jugend" und dergleichen lamentiert. Oder der Macho-Proll, der sich fürchterlich darüber aufregt, dass stillende Mütter aller Orten ihre Titten 'rausholen und sich dann darüber aufregen, dass er solchen Schlüsselreizen nicht widerstehen kann und ihn anzeigen. Oder der Alt-58er, der seine Generation als "die verarschte" definiert und diese These auch gleich belegen kann: Die in der Jugend schwer angesagte Verweigerungshaltung etwa, oder dass man wacker für die Freiheit ("welche eigentlich?") gekämpft und dafür selbstlos seine Karriere geopfert habe.
Munter flicht Hubert Burghardt noch einige elegant formulierte (Vor-)Urteile gegenüber Frauen in seine gedrechselte Rede, die man(n) bestens nachvollziehen kann, flicht auch mal Flaches ein und einen Insider-Bericht aus seiner Kabarettistenzunft - ein besonderes Kabinettstückchen.
Mit DAS SCHWEIGEN DER MÄNNER ist Hubert Burghardt ein vielschichtiges, hämisches, spöttisches, textlich und darstellerisch überzeugendes Programm zwischen Kabarett und Comedy gelungen, das ganz trendy auch mit etwas Fäkalhumor durchsetzt ist und durch die "entarteten Liebeslieder" noch einen gruseligen Extra-Kick bekommt: Die lustvoll- perversen Songs über Nekrophile, Päderasten, Sado-Masochisten und ähnlich Veranlagte kommen bei fiesestem Inhalt so locker daher, dass es gruselt. Da sitzen die Lacher dann auch nicht mehr ganz so locker.
dwc


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